Vom Segen, mit sich selbst glücklich zu sein

POV Single: Wenn aus aus "einsam" "alleine" wird".

von unserer Seelsorgerin Melanie

Kennst du das? Du kommst zur Adventsfeier im Freundeskreis, zum gemütlichen Glühweinabend oder zum weihnachtlichen Familientreffen. Und nach den ersten Gesprächsfetzen kommt sie wieder, diese eine Frage: „Wann wirst du denn mal wieder jemanden an deiner Seite haben? Das Alleinsein zur Adventszeit ist doch nicht schön, oder?“

Ich kenne diesen Moment nur zu gut. Das Zögern, bevor man antwortet. Den Blick, der einen dabei trifft, nicht böse gemeint, aber irgendwie voller Mitleid. Besonders in den dunklen Monaten des Jahres, wenn überall die Lichterketten zu leuchten beginnen und die Werbung uns glückliche Paare und Familien zeigt, blüht diese eine Vorstellung in vielen Köpfen wieder auf: Ein erfülltes Leben gibt es nur zu zweit. Ich will ehrlich sein, diese Fragen nach einem Partner treffen auch bei mir nicht immer ins Leere, und es gibt Momente, da versetzen sie einen auch einen Stich, denn dann ist da diese Stille. Dann ist es eben nicht einfach und leicht. Wenn du gerade zu denen gehörst, die das im Moment spüren, dann will ich dir nicht sagen, du sollst das Ganze einfach als Segen begreifen. Das wäre zu einfach, verletzend und würde dir nicht gerecht.

Für mich selbst hat sich das über die Jahre anders entwickelt. Nicht von heute auf morgen, sondern in kleinen Schritten. Ich schreibe heute davon, nicht als Rezept für alle, sondern als das, was sich bei mir verändert hat. Vielleicht kannst du dich an der einen oder anderen Stelle erkennen.

Mit der Zeit habe ich gelernt, mich mit mir selbst auszuhalten, das war nicht immer leicht, aber es hat sich gelohnt. Ich kann heute gut im Garten, im Café oder auch auf dem Sofa mit einem Buch sitzen, Stille, niemand, der etwas von mir will.

Im Laufe der Zeit ist mir klar geworden, dass es wichtig ist, die Unterscheidung zwischen Einsamkeit und Alleinsein klarer zu sehen und zu verstehen.

Einsamkeit ist das schmerzhafte Gefühl von Mangel und Trennung, nicht gesehen oder verstanden zu werden. Es kann einen mitten auf dem überfüllten Weihnachtsmarkt oder an dem festlich gedeckten Tisch treffen. Denn Einsamkeit hat nicht zwangsläufig mit der Zahl der Menschen, die um einen herum sind, zu tun. Alleinsein dagegen ist für mich eine Entscheidung geworden, die zur inneren Ruhe führen kann. Eine Zeit, in der keine Erwartungen an mich gestellt werden, in der ich keine Aufgaben und Rollen erfüllen muss, sondern einfach sein darf, mit allem, was gerade ist.

Und Alleinsein heißt nicht, ohne Bindungen zu sein. Ich habe keinen Partner, aber eine Familie, mit der ich eng verbunden bin, meinen Hund, der mir jeden Tag zeigt, wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt zu sein, und Freund:innen, mit denen ich seit Jahren durch dick und dünn gehe. Diese Beziehungen sind keine zweite Wahl zu etwas, das fehlt. Denn diese Bindungen sind für sich genommen voller Reichtum.

Was wäre, wenn wir das Alleinsein nicht nur ertragen, sondern anfangen würden, es wirklich gern zu haben? Für mich hat sich die vermeintliche Lücke mit der Zeit in etwas anderes gewandelt, in eine innere Unabhängigkeit, die mich immer wieder trägt, wie ein ruhiger Grund darunter.

In der Unruhe des Jahresendspurts gehen die eigenen Wünsche und Bedürfnisse schon mal schnell unter. In der Stille aber kann ich wieder deutlicher spüren, was mir guttut, wie ich meine Tage gestalten will, was ich von meinem Leben erwarte.

Und ich merke immer wieder dabei: Nähe ist nicht an Partnerschaft gebunden. Ein Anruf, der einfach so kommt, mitten in der Woche, ohne Anlass. Eine Begegnung, ein Gespräch, das bis spät in die Nacht geht, bei dem man am Ende gar nicht mehr weiß, worüber man eigentlich angefangen hat zu reden. Eine Umarmung, die keine Worte braucht. Das alles ist genauso echte Beziehung wie die in einer Partnerschaft.

Ich sage nicht, dass das Alleinsein einfach ist. Manchmal ist es das nicht. Aber ein Makel, den es schnellstmöglich zu beheben gilt, ist es ebenso wenig, weder im Sommer noch im Advent oder zu Weihnachten. Für mich ist es ein geschützter Raum geworden. Voller Freiheit, voller Selbstfürsorge, voller Klarheit, die ich früher so nicht kannte.

Ich selbst nutze den November und Dezember inzwischen bewusst dafür, mir mit derselben Wärme und Nachsicht zu begegnen, die ich sonst so großzügig anderen schenke. Manchmal reicht dafür schon ein ruhiger Abend, ein Gedanke, der hängenbleiben darf, ein Moment, in dem ich mir selbst zugestehe, dass dieses Jahr gut war, so wie es war. Und wenn beim nächsten Glühweinabend wieder die Frage kommt, „feierst du dieses Jahr etwa wieder allein?“, dann lächle ich inzwischen einfach. Und das ist gut so.

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